“In diesem Leben einen BMW besitzen”. Über einen kleinen-großen indischen Traum.

Delhi. Als ich aus dem Büro heraustrete, trägt die Brise, die vom nahegelegenen See aufzieht, eine erfrischende Kühle in das kleine Viertel. Ein Rickshaw-Fahrer, einer von vielen, die an diesem Abend auf Kundschaft warten, bietet mir nach kurzer Verhandlung einen guten Preis. Ich steige ein, wir fahren los, der Motor stockt; er kann sich an mich und an die Adresse meines Hauses sofort erinnern. Lachen, beidseitiger Ausdruck unverbindlicher aber herzlicher, ernst gemeinter Wiedersehensfreude; in einer Stadt, so gross und mächtig, und doch in vielerlei Hinsicht noch dörflich und deshalb immer irgendwie vertraut.

Das letzte Mal, als er mich mitgenommen hat, haben wir nicht miteinander gesprochen; ich glaube, am Telefon gewesen zu sein oder mit Bekannten. Daher bin ich erstaunt über die guten Englisch-Kenntisse des Mannes, der unser Gefährt so mühelos und mit stoischer Gelassenheit durch den Abendverkehr der Haupstadt lenkt. Die erste Frage “Where are you from?” verwickelt uns sogleich in ein Gespräch; besser: in einen Monolog, denn es stellt sich im Laufe der 15-minütigen Fahrtzeit heraus, das Vijay, so sein Name, eine Vorliebe für deutsche Fahrzeuge hegt.

Während er aber zunächst von seiner Frau und ihrer Erwartung erzählt, am in Kürze anstehenden Hochzeitstag von ihm mit goldenem Schmuck beschenkt zu werden, gestikuliert er ausdrucksstark mit einer, manchmal auch mit beiden Händen gleichzeitig. Neben uns bringen vollbepackte Busse und Roller auf der mehrspurigen Strasse die Schar arbeitsamer Inder zurück zu ihren Familien; wahrscheinlich mit Vorfreude auf das bereits aufgetischte Abendessen und die schier endlose Aneinanderreihung der Fernseh-Soaps, die den indischen Alltag von der heimischen Couch in die Studio-Wohnzimmer Mumbais vertagen. Ein kollektives Teilen gleicher Sorgen und Freuden indischer Großfamilien im ganzen Land.

Allmählich bemerke ich, dass Vijay mit Absicht kleine Umwege fährt, um die Fahrtzeit herauszuzögern. Da wir nicht mit Taxometer, sondern auf Festpreis fahren, kann es mir egal sein, aber ich bin müde und möchte nach Hause. Doch irgendetwas kann ich gut an ihm leiden. Er ist höflich und fragt immer wieder, ob er mich mit seinen Erzählungen langweilen würde. Bevor ich allerdings antworten kann, springt er wieder zum nächsten Thema. Er wünscht sich, dass er seiner einzigen Tochter, 4 Jahre “and the sweetest girl in the world”, ein besseres Leben bieten kann. Während er uns an einer Ampel an stehenden Fahrzeugen vorbei manoevriert, versucht er, ein Bild von ihr aus seiner Geldbörse herauszufischen, doch ich winke, um unserer beiden Leben willen, beherzt ab; dabei immer wieder bekräftigend, dass sie mit Sicherheit die tollste seiner Töchter sei.

Er würde er am Tag 14 Stunden Menschen durch die Strassen Delhis’ kutschieren, immer darauf aus, einen guten Preis zu erzielen, da er Geld beiseite legt, um eine eigene Auto-Rickshaw zu kaufen. “5,5 lakh, with interest” soll sie kosten, also mehr als 8000 Euro; ich kann es mir kaum vorstellen, aber er beharrt auf dieser Zahl. ”The Delhi Government wants to make it hard for us people, you know, madam?” sagt er. “But not with me, madam, I will make it, a good business, and  I will work hard, and then, one day, I can buy a BMW, you know, madam? A very good car. In black, with dark glasses, like the rich men. Then I am also a rich man, in this life, you know? And then my daughter can marry a rich man, and I don’t need to work anymore. That’s my biggest dream. Good plan, madam, yes?”

Kurz darauf stehen wir vor meiner Tür, ich gebe ihm das Geld, passend abgezählt, weniger als 1 Euro. Er winkt und fährt fröhlich davon, noch 2 Stunden liegen vor ihm, bevor er zu Frau und Tochter nach Hause fährt. Es ist verrückt. Aber  die Zeichen stehen gut – denn Vijay bedeutet auf Hindi ‘Sieg’, oder auch ‘Triumph’.  Remember: in India, everything is possible.

Ich freue mich auf unsere nächste Fahrt.

Delhi, 7.04.2012

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